Eine besingliche Weihnacht

„Dann hast du also gleich zwei Weihnachtsengel gehabt“, stellt Hannes fest, nachdem ich ihm die ganze Geschichte erzählt habe. Wir liegen in seinem Bett, warm eingekuschelt, Kerzen brennen auf dem Fenstersims, obwohl es draußen noch nicht dunkel ist. Der Ficus elastica ist noch immer nicht gegossen, aber ich denke, er mag mich so sehr, dass er auch noch einen Tag länger warten kann.
„Ja, Mattheo und Ralf. Eindeutig.“
„Im Gegenzug musst du auch noch ein Weihnachtsengel sein.“
„Wie bitte?“
„Na, ist doch klar. Wenn einem etwas Gutes getan wird, sollte man auch etwas Gutes tun.“
„Ich hab was Gutes für uns beide getan. Wir sind an Weihnachten nicht allein.“
Er lächelt verschmitzt. „Ich glaube nicht, dass das zählt. Es sollte eine gute Tat für jemand anderes sein.“
„Ähm … Deine Kollegen sind wahrscheinlich auch froh darüber, dass sie dich kleine Nervensäge an Weihnachten nicht ertragen müssen.“
„Wie gemein du bist!“ Er zwickt mir in die Seite und ich kreische auf.

„Okay, okay, tut mir leid! Muss an dem leichten Hungergefühl liegen. Gibt’s in deiner Wohnung irgendwas essbares?“
„Nö. Bei dir?“
„Nein. Ich wollte heute eigentlich zu Alex und Henrike, aber … Mir ist plötzlich nicht mehr danach.“
„Warum wohl?“
Ich lächele und schmiege mich an ihn. „Ich weiß auch nicht. Vielleicht, weil ich lieber mit dir im Bett bleibe und dich den ganzen Tag über küsse.“ Ich lege meine Lippen sanft auf seine und wir küssen uns zärtlich. Hannes‘ Hand wandert in mein Haar. Ich seufze auf, doch in dem Moment knurrt mein Magen laut.
Mein Freund – unglaublich, dass ich das sage – löst sich von mir und sieht nachdenklich aus. „Ich glaube, ich habe noch Chili in der Gefriertruhe unten im Keller.“
„Chili?“
„Wir könnten es mit Zimt und Schokolade würzen, dann ist es weihnachtlich.“
„Super Idee! Du deckst den Tisch, ich hole das Chili.“
Wir schälen uns aus dem Bett und ich ziehe mir seinen dicken Strickpullover über, damit ich nicht komplett nackt bin. Dazu seine superbequeme Jogginghose, die von seiner Oma gestrickten Socken und ich bin gut genug angezogen, um mich durchs Treppenhaus zu schleichen.
„Was soll ich jetzt anziehen?“, fragt er.
„Nichts. Du darfst gerne im Adamskostüm den Tisch decken.“ Schelmisch wackele ich mit den Augenbrauen, schnappe mir seinen Schlüsselbund und verschwinde ins Treppenhaus. Die Stricksocken sind auf der alten Holztreppe super rutschig, aber ich laufe glücklich und beseelt hinunter – bis ich am Hauseingang auf Frau Clausen treffe.
„O nein, Frau Clausen, das tut mir so leid!“
Sie steht da, den Wischeimer neben sich, den Schrubber in der Hand und wischt den Eingangsbereich. „Das hab ich total vergessen bei dem ganzen …“ Naja. Eben bei allem, was sich in den letzten Stunden zugetragen hat.
„Nicht schlimm“, sagt die alte Dame und massiert sich den Rücken. „Ich hab das schnell gemacht. Ihr jungen Leute habt ja doch andere Dinge zu tun. Ihr habt doch immer so viel Arbeit und so.“
Oder wir liegen bis in den Abend nackt im Bett und sind faul. „Frau Clausen, es tut mir furchtbar leid. Sie haben sich gestern so sehr darüber geärgert …“
„Aber doch nur, weil ich den Hausflur eine Stunde vorher erst gewischt hatte. Ich hätte es erst nach Weihnachten machen sollen, aber ich wollte es halt schön haben …“
„Für Ihren Weihnachtsbesuch?“
„Meinen?“ Die grauen Augen der alten Frau huschen unsicher herum. „Nicht doch. Ich erwarte keinen Besuch. Aber ich dachte für Sie und Hannes und die Familie oben. Falls einer Besuch erwartet. Vor so einen Besuch hat man ja immer viel zu tun, vor allem an Weihnachten. Da bleibt keine Zeit für den Hausflur. Und trotzdem ist es das Erste, das Gäste sehen.“
„Das stimmt. Nächste Woche übernehme ich dann aber die Kehrwoche. Versprochen. Gleich am Samstagvormittag.“ Wieder ein Samstag, an dem ich früher aufstehen muss.
Ich will an ihr vorbeihuschen in den Keller, da fällt mir etwas ein. Noch einmal bleibe ich stehen und beobachte die alte Frau, die mit dem Wischmopp jetzt wieder über den Boden fährt. „Frau Clausen, kann es sein, dass Sie an Weihnachten allein sind?“
Sie hält in der Bewegung inne und zuckt mit den Schultern. „Na, Kinder hab ich nicht. Meine Schwester ist vor fünf Jahren gestorben und zu deren Kindern habe ich seither keinen Kontakt mehr. Was wollen die auch von so einer alten Frau, nich? Bin ja doch nur daheim und habe nichts zu erzählen.“
„Frau Clausen, wie alt sind Sie?“
„Sowas fragt man doch aber nicht, mein Kind.“
„Gut, dann behaupte ich jetzt einfach mal folgendes: Frau Clausen. Sie sind über siebzig Jahre alt …“ Darauf kichert die alte Frau, die sicher sogar über achtzig ist – wenn nicht noch älter. „… und ich bin überzeugt davon, dass jemand in Ihrem Alter eine Menge zu erzählen hat.“ Ich straffe die Schultern. „Liebe Frau Clausen, Hannes und ich sind gerade auf der Suche nach etwas Essbarem. Mehr als Chili con Carne können wir Ihnen wahrscheinlich nicht anbieten, aber möchten Sie vielleicht mit uns essen und den Tag verbringen?“
„Was? Ich? Was wird Hannes wohl sagen?“
„Der wird sich freuen.“ So lange er noch ein paar Minuten Zeit hat, sich etwas anzuziehen. „Wir machen es so: Ich hole das Essen, Hannes bereitet alles vor und in der Zeit machen wir Mädels uns hübsch – immerhin ist doch Weihnachten. Sagen wir in dreißig Minuten bei Hannes?“
Frau Clausen strahlt. „Einverstanden. Ich schaue mal, ob ich zum Essen noch etwas beisteuern kann.“
„Super! Dann bis gleich.“
Jetzt muss ich mich aber beeilen. Hannes und mir bleiben dreißig Minuten, um uns etwas vernünftiges anzuziehen, den Tisch zu decken und das Essen vorzubereiten. In Windeseile husche ich in den Keller, finde Hannes‘ Kellertür und dahinter den Gefrierschrank. Als ich das Treppenhaus hinaufkomme, ist Frau Clausen schon verschwunden, nur der Boden ist noch feucht. Die warnende Stimme meiner Mutter im Ohr, tapse ich auf Zehenspitzen ganz am Rand entlang, um keine Spuren zu hinterlassen. Dann sprinte ich hinauf und komme völlig außer Atem in Hannes‘ Wohnung an. Der begrüßt mich splitterfasernackt, aber immerhin mit gedecktem Tisch.
„Essen kann losgehen.“
„Nein, kann es nicht. Wir brauchen ein Gedeck mehr und du solltest dir dringend etwas anziehen.“
Er blinzelt mehrmals. „Ja, du warst eine ganze Weile weg, aber … Was zum Henker ist passiert zwischen …“, er zeigt auf das Bett, „dem und“, jetzt zeigt er zum Esstisch, „dem?“
„Ich habe Frau Clausen getroffen. Stell dir vor: Die arme alte Dame muss Weihnachten ganz allein verbringen.“
„Aha.“
„Sie ist einsam, Hannes, verstehst du?“
„Okay. Und …?“
„Das ist meine gute Tat. Ich bin ihr Weihnachtsengel, verstehst du?“
„Ihr Weihnachtsengel?“
„Du hast selbst gesagt, dass ich der Welt eine gute Tat schulde. Hier ist sie. Wir feiern Weihnachten mit Frau Clausen.“
„Moment mal! Eben hieß es noch, dass sie mit uns isst. Jetzt feiern wir sogar Weihnachten mit ihr. Das geht mir irgendwie alles ein bisschen zu schnell.“
„Papperlapapp! Denk nicht so viel, frag nicht so viel, zieh dir lieber etwas an. Husch, husch! Was Schickes! Es ist nämlich Weihnachten.“
Auch wenn er jetzt die Augen verdreht, ich kann sehen, dass er die Idee eigentlich gut findet.

Wenige Minuten später treffen wir uns im Bad. Er richtet den Kragen seines Hemds und ich trage Mascara auf. „Ich find’s nur schade“, sagt er, als hätten wir unser Gespräch nie unterbrochen.
„Was? Dass du nicht den ganzen Tag nackt im Bett mit mir liegen kannst?“
„Ja. Ich hab dir versprochen, dass ich jeden Zentimeter deines Körpers erkunden werde. Damit bin ich noch nicht fertig.“
„Ich akzeptiere, dass du dein Versprechen vertagen musst.“
„Aber ich hab mich auch darauf gefreut, das Versprechen einzulösen.“
„Dafür machen wir einer alten Dame eine Freude.“
„Was wirklich schön ist. Aber einfach nur küssen …“ Er neigt den Kopf und küsst mich zärtlich. „… wäre auch schön.“
„Du bist so ein Romantiker.“
„Da stehst du doch drauf.“
„Allerdings.“ Ich lege die Arme um seine Schultern und ziehe ihn zu mir herunter. Wir küssen uns, dass mir die Knie weich werden. Bis es an der Wohnungstür klingelt.
„Da ist sie“, sage ich und er nickt.
„Dann wollen wir mal Weihnachten feiern.“
„Ich brauche noch einen klitzekleinen Moment.“
„Ich mach die Tür auf.“
Während ich Lippenstift auftrage, höre ich Hannes an der Tür. „Frau Clausen! Das ist aber schön, dass Sie da sind. Kommen Sie rein.“
Er klingt überhaupt nicht mehr so, als würde es ihn stören oder gar ärgern, dass die alte Dame zu Besuch ist. Ganz im Gegenteil: Er klingt, als wäre ein Besuch lange überfällig.
„Kann ich Ihnen einen Tee anbieten?“
„Ach, ein Schnaps wäre mir ehrlich gesagt lieber.“
Hannes lacht, aber dann sagt er hektisch: „Ein Schnaps, klar! Bring ich Ihnen, einen Moment.“
Seine Schritte kommen am Badezimmer vorbei und er spickt zu mir herein. „Ich dachte, sie macht einen Scherz, aber sie will wirklich einen Schnaps“, flüstert er.
„Hast du Schnaps?“
Er zuckt mit den Schultern. „Nen Grappa.“
Ich runzele die Stirn. „Ich glaube, alte Menschen trinken eher Kräuterlikör. Jedenfalls haben meine Großeltern das gemacht. Nen Pfeffi, oder so.“
„Hab ich nicht.“
„Gib ihr, was du hast.“
„Sie hat Essen dabei. Jede Menge.“
„Ehrlich?“ Ich lächele erfreut. Dann müssen wir also doch kein Chili mit Schokolade an Weihnachten essen.
„Ja. Und es duftet herrlich.“
„Dann los! Ich bin auch gleich soweit.“
Als ich zwei Minuten später ins Wohnzimmer komme, sitzt die kleine, zierliche Frau Clausen auf Hannes‘ Couch und lächelt mich freundlich an.
„Danke für die spontane Einladung.“
„Jederzeit! Hannes besorgt gerade ein Gläschen Schnaps für Sie.“
„Na, aber doch nicht nur für mich! Sie beide trinken natürlich mit.“
In dem Moment kommt Hannes heran, in der Hand den Grappa und ein passendes Glas dazu. Verwirrt sieht er Frau Clausen und dann mich an.
„Na hören Sie mal“, sagt Frau Clausen. „Man trinkt doch nicht allein!“
„Das stimmt“, sage ich und sehe Hannes bedeutungsvoll an.
„Ich hatte noch nicht mal Frühstück“, wimmert er so leise, dass nur ich es hören kann.
Ich verkneife mir ein Grinsen. Auch ich habe noch nichts gegessen. Aber sicher schaffen wir es irgendwie, den Grappa loszuwerden. Hauptsache nicht in meinen Ficus elastica. Das würde er nicht überleben.
Ich setze mich neben Frau Clausen auf die Couch, damit sich Hannes in den einzigen Sessel setzen kann. „Was haben Sie uns denn leckeres zu Essen mitgebracht?“
„Einen Kartoffelsalat. Und ein paar Buletten. Ich hatte auch noch Rouladen.“
„Meine Güte, Frau Clausen, dann haben wir dank Ihnen ja ein richtiges Festtagsessen. Vielen Dank!“
Hannes kommt zurück, in der Hand zwei weitere Gläser. Er schenkt Frau Clausen ein, nur einen winzigen Schluck, doch als er absetzen will, sagt sie: „Mehr.“
Und auch als das Glas zu zwei Dritteln gefüllt ist, sagt sie: „Mehr. Jetzt ist es genug. Vielen Dank.“
„Gerne.“ Wir wechseln einen Blick. Hannes sieht besorgt aus, ich dagegen kann mir das Lachen kaum verkneifen. Die liebe Frau Clausen trinkt also gerne mal ein Schnäpschen. Da schau an.
Hannes schenkt mir einen kleinen Schluck ein, aber Frau Clausen schüttelt den Kopf. „Nun seien Sie mal nicht so knauserig, junger Mann! Wenn Ihr Grappa leer ist, schicke ich Sie runter – ich hab doch daheim auch noch was Gutes. Hätte ich das gewusst, dass Sie so milde bestückt sind, hätte ich gleich ein Fläschchen mitgebracht.“
„Milde bestückt?“, wiederholt Hannes und ich versuche ihn mit Blicken zu besänftigen. Wobei er nicht wütend wirkt – eher überaus irritiert.
So muss er also auch unsere beiden Gläser bis knapp unter den Rand füllen und als wir die Gläser zum Anstoßen bereit halten, sagt Frau Clausen: „Auf ex!“ und leert ihr Glas in einem Zug. Mit einem Geräusch, als wäre sie ein Drache, der gleich Feuer speit, atmet sie aus und sieht uns erwartungsvoll an.
Grappa auf ex mit leerem Magen. Das dürfte ein lustiger Abend werden. Ich halte die Luft an und kippe das Getränk hinter. Meine Kehle brennt. Als ich zu Hannes schaue, stehen dem Tränen in den Augen. Er verzieht den Mund und sagt stimmlos: „Ich trink sonst nur Bier.“
„Bier“, wiederholt Frau Clausen, „ist das Gesöff der armen Teufel. Noch einen!“
Sie hält ihr Glas hin und Hannes füllt es. Weil er seine Lektion gelernt hat, füllt er es erstens bis oben hin und zweitens auch gleich meines und seines. Immerhin: Diesmal müssen wir nicht auf ex trinken. Frau Clausen hat einen gemütlicheren Takt angeschlagen.
„So, da trinken also so junge Leute wie Sie beide am Heiligen Abend mit mir Schnaps. Wie konnte es nur so weit kommen?“ Auffordernd sieht sie zwischen Hannes und mir hin und her.
„Nun …“, beginne ich.
„Ehrlicherweise sind wir erst seit wenigen Stunden ein Paar und ich wäre gerade auf einem Forschungsschiff draußen auf See statt hier an Land.“
„Aha.“ Frau Clausen sieht mich an.
„Und ich habe nicht vor, ihn heute Abend schon meinen besten Freunden zum Fraß vorzuwerfen.“
„Erfrischend ehrliche Antwort“, kommentiert Hannes und grinst.
„Das ist sehr weise. Als ich meinen Hans damals kennengelernt habe, hab ich ihn ganze zwei Jahre meinen Eltern nicht vorgestellt.“
„Zwei Jahre lang?“, frage ich überrascht nach. „Wieso das?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Er war nicht standesgemäß. Mein Vater hätte gerne einen Offizier für mich gehabt. Nicht so einen Schauspieler.“
„Ihr Mann war Schauspieler?“
„Aber ja. Wir haben uns an der Oper kennengelernt.“
Hannes runzelt die Stirn. „Also war er Opernsänger?“
„Aber nicht doch. Singen konnte er nun wahrlich nicht. Ich war Opernsängerin.“
„Im ernst?!“, fragen Hannes und ich gleichzeitig.
„Aber ja. Das ist lange her, aber ein paar Töne treffe ich schon noch.“
„Dann lassen Sie was hören.“
Frau Clausen lässt sich nicht lang bitten. Im Gegenteil. Es wirkt, als habe sie sehr lange darauf gewartet, endlich mal wieder vor Publikum aufzutreten. „Helfen Sie mir mal, Hannes.“ Sie hält ihm die Hand hin und Hannes schaut etwas hilflos drein, als die zierliche Dame mit hochgerafftem Rock auf seinen Wohnzimmertisch steigt. „Meine Bühne“, sagt sie und zeigt auf den wackligen Tisch eines schwedischen Möbelhauses. Dann summt sie, macht ganz ähnliche Geräusche wie wir beim Radio. „Man muss die Stimme ja aufwärmen, nicht wahr, Schätzchen?“
„Ja. Ganz recht“, pflichte ich ihr bei, hebe mein Glas und trinke auf sie.
„Wie wäre es, wenn ich euch ein Stück aus der Carmen aufführe? Das war mein Meisterwerk.“
„Gerne“, sagt Hannes ungläubig und lässt sich neben mich auf das Sofa fallen. Mit offenem Mund starrt er Frau Clausen an und ich schiebe ihm den Unterkiefer hinauf. 
Und dann legt sie los. Frau Clausen schmettert mit einer Stimme ein Solo daher, die nur so vor Energie und Leben strotzt. Ihre Stimme ist fest, sie trifft selbst die hohen Töne, wenn auch ein bisschen wackelig in den Abgängen. Außerdem gestikuliert sie und auf einmal fällt es mir gar nicht mehr schwer, mir die alte Frau in einem schicken Kleid auf einer Bühne vorzustellen.
Am Ende klatschen Hannes und ich frenetisch Beifall. Mit geröteten Wangen nimmt sie Hannes‘ helfende Hand an und tritt von der improvisierten Bühne.
„Das war unglaublich, Frau Clausen! Un-glaublich!“, schwärme ich. „Ich habe noch nie eine Opernsängerin kennengelernt.“ Allmählich spüre ich den Grappa. Mir wird so schön behaglich warm. „Und wissen Sie, was ich mich schon immer gefragt habe: Wie macht man das? Wie singt man so?“
„Oh, das ist eine hohe Kunst“, sagt sie, nicht ohne eine gewisse Arroganz in der Stimme.
„Ach, kommen Sie, Frau Clausen. Ich wette, den ein oder anderen Tipp haben Sie für mich. Ich bin nämlich eine ganz passable Sängerin.“
„Ach?“, fragt Hannes und grinst.
„Na gut“, sagt sie schließlich. „Dann lassen Sie mal hören, womit wir arbeiten.“
Mit einem Satz stehe also auch ich auf Hannes‘ Wohnzimmertisch. „Ich gebe Ihnen zum Besten: Figaro. Weil das das einzige Opernlied ist, dessen Text ich kenne.“
„Figaro …“, wiederholt Frau Clausen angewidert und schüttelt den Kopf.
Aber mich hält das nicht davon ab, die Hand zu heben und meine Stimme damit zu unterstützen. „Figaro! Figaro, Figaro, Fiiiigaro!“
„Das geht doch nicht so“, sagt Hannes.
„Ach? Weil du das besser weißt.“
„Na so stimmt das auf jeden Fall nicht.“
„Dann sing du es doch, wenn du es besser kannst.“
Er schlägt sich auf die Knie, als müsse jetzt der Profi ran. Prompt steigt er neben mich auf den Tisch, der unter unserem Gewicht gefährliche Geräusche macht. Aber: Er hält.
Hannes senkt das Kinn und hebt es beim Singen an – unterstützt so seinen vibrierenden Bass. „Fii-ga-ro! Figaro, Figaro, Fiiiii-ga-ro!“
„Besser“, kommentiert Frau Clausen und ich bin in meiner Ehre gekränkt. „Das R fleißiger rollen. Wir üben. Rrrrrrrr.“
„Rrrrrrr“, machen wir gemeinsam.
„Und nun zusammen“, dirigiert sie uns.
So stehen wir also da, am Heilig Abend, Hannes und ich auf seinem Wohnzimmertisch, Frau Clausen als unsere Dirigentin, der Ficus elastica als unser Publikum, und schmettern Figaro vor uns her.
Das ist mal ein Weihnachten, das man so schnell nicht vergisst. Und den Kuss, den mir Hannes am Ende unserer Vorstellung, unter dem Applaus von Frau Clausen, gibt, schmeckt wunderbar süßlich nach Grappa.

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