Katrin

Unter dem frenetischen Jubel der gesamten Belegschaft und mit Schweißperlen auf der Stirn hämmerte Björn den letzten Pfosten des Zauns in den Boden. Zufrieden lächelnd wischte er sich den Schweiß mit dem Unterarm ab und hob die Hand, um das High Five eines Mitarbeiters aus dem Lager entgegenzunehmen. Zum Schluss nagelten zwei andere Kollegen die Querstangen an und fertig war der Zaun um den Teich – und damit der Naturgarten der Beck Bauunternehmung GmbH. Zwei ganze Tage hatte es gedauert, bis die Wege angelegt waren, der Barfußpfad, eine Bank aufgestellt, neue Pflanzen gesetzt, ein Insektenhotel aufgestellt, ein Steg am Ententeich montiert und schließlich noch der Zaun darum befestigt worden war.

Es war ein Mammut-Projekt gewesen, das sie da auf die Beine gestellt hatten, aber es hatte sich gelohnt. Der Jubel ebbte ab und Katrin sah in viele, viele stolze Gesichter. Am stolzesten war aber wohl Björn.

„Liebe Kolleginnen und Kollegen“, rief er laut, damit ihn jeder verstehen konnte. „Es ist geschafft! Ab sofort können wir Mittagspausen, Denkpausen, von mir aus auch Raucherpausen, aber vor allem auch Meetings in unserem wunderschönen Beck-Garten verbringen. Er ist für euch – und ich würde mich sehr freuen, wenn er von allen rege genutzt wird.“

Monika, die Leiterin der Personalabteilung, hob die Hand. „Und ganz wichtig: Wenn ihr weitere Ideen habt, gebt sie gerne an die Personalabteilung weiter. Der Garten soll blühen und gedeihen.“

„Ganz genau“, pflichtete Björn ihr bei. „Der Abschluss dieses Gartenprojekts ist gleichzeitig der offizielle Beginn unserer nachhaltigen Geschäftsausrichtung. Ob Einkauf, Marketing, Lager oder Reinigung: Wir werden ab sofort den nachhaltigen Weg gehen. Ich habe es in den einzelnen Meetings bereits verkündet, aber nun noch mal für alle, damit jeder Bescheid weiß: Seit Anfang des Monats haben wir eine Umweltbeauftragte. Katrin Arendt wird sich um alles kümmern, was mit Nachhaltigkeit, Natur- und Umweltschutz zu tun hat. Und solltet ihr Fragen haben – zum Beispiel, was Reinigungsmaterial angeht, Papier oder was auch immer – wendet euch an Katrin. So, und jetzt würde ich sagen, genehmigt sich jeder noch ein Fischbrötchen oder einen Kuchen, damit wir keine Reste übriglassen, und danach ist Feierabend. Morgen sehen wir uns wieder im Hemd und mit Krawatte.“

Die Kollegen lachten, denn tatsächlich wurde vor allem Björn von vielen beäugt, der vermutlich zum ersten Mal in Jeans und T-Shirt zur Arbeit gekommen war. Vor allem die weibliche Belegschaft nahm sehr wohl zur Kenntnis, dass ihr Chef nicht nur im Anzug eine gute Figur machte. Aber Katrin war das egal. Sie wusste, er hatte nur noch Augen für sie.

Während sich die anderen zum Buffet und den Getränken begaben, trat Björn auf Katrin zu und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. „Na? Zufrieden?“

Sie verzog den Mund und sah sich kritisch um. „Nur weiter so. Dann klappt’s bestimmt auch bald mit der Zertifizierung.“

Er verdrehte die Augen. „Konnte ja niemand wissen, dass es dein Chef persönlich nimmt, wenn du kündigst. Du hättest uns besser erst zertifizieren und dann kündigen sollen.“

„Das konnte ich nicht mit meinem Gewissen vereinbaren.“

„Dein Glück, dass unser neuer Kunde deine Anstellung hier und deine Ideen gut findet.“

„Natürlich findet er mich gut. Ich meine: Wir reden von mir.“

„Genau deshalb wird es Zeit, dass du dein eigenes Visitenkartenetui bekommst.“

„O Himmel, du hast nicht im Ernst so ein Blechteil für mich organisiert?“

„Nicht doch. Ich will nicht riskieren, dass ich noch ein weiteres Jahr mit dem Rad zur Arbeit fahren muss.“ Er griff in seine Hosentasche und zog ein Stofftäschchen hervor. Es war weiß mit blauen Ankern darauf und hatte einen pinken Reißverschluss. Katrin runzelte die Stirn.

„Ich hab’s selbst genäht.“

„Aha. Ich war mir nicht sicher, ob Lotte …“

„Hey!“

„Es ist … besonders.“

„Keiner wird es dir klauen.“

„Sicher nicht, nein.“

„Und es ist nachhaltig. Meine Mutter hatte sowohl den Stoff als auch den Reißverschluss daheim rumliegen.“

„Du hast für mich genäht.“

„Man nennt es Upcycling.“

„Okay. Sehr gut.“

„Es gefällt dir nicht.“

„Nein. Aber die Geste zählt.“

„Vielleicht hast du Glück und gewinnst heute das Glücksschwein. Vielleicht schenke ich dir dann bald doch so ein schickes Etui, wie ich eins habe.“

„Bloß nicht! Also: Ja zum Glücksschwein, aber nein zur Blechdose.“

Björn grinste. „Diesmal holen wir uns das Schwein.“

„Aber so was von.“

Sie gaben sich ein High Five, doch statt ihre Hand loszulassen, zog er sie an sich. Sie konnte das Herz unter seinem T-Shirt schlagen hören – schnell, verliebt. Zärtlich legte er die Lippen auf ihre.

Björn

Wer brauchte schon ein Glücksschwein? Er hatte es so oft gewonnen und trotzdem nie wahres Glück erlebt. Stattdessen hatte er selbst für sein Glück gesorgt. Katrin wiederum war ganz verrückt danach, das gehäkelte Schwein zu gewinnen. Sie wollte es so dringend, dass sie sogar bereit war, dafür zu mogeln. Vielleicht lag es daran, dass Keno und Liz ständig zusammenarbeiteten, um sich das Schwein zu erspielen. Oder an Matthis und Mona, die zwar nicht zusammenarbeiteten, aber dafür sehr gute Spieler waren.

„Diesmal gewinnen wir“, sagte sie und meinte damit ihn oder sich. Aus ich und du war ziemlich schnell ein Wir geworden und Björn genoss es, wie selbstverständlich sie das sagte.

Seine Mutter öffnete die Wohnungstür und nahm Katrin herzlich in den Arm. „Ich habe wieder ein Buch für dich, meine Liebe.“

„Ein intellektuelles oder eins für den Strand?“

Seine Mutter zwinkerte. „Eher für den Strand. Rate, wer’s geschrieben hat.“

„Wer?“

„Mona“, sagte Björn und Merle sah ihn überrascht an.

„Woher weißt du das?“

„War nur geraten. Seit wann schreibt Mona Strandlektüre?“

„Seit mein Verlag das will“, rief Mona aus der Küche.

Die Mädels nahmen sich abwechselnd in die Arme, seine Brüder und Freunde umarmten Katrin ebenfalls und Björn musste sich zusammenreißen, nicht grundlos eifersüchtig zu sein. Das Gefühl war ihm bislang völlig fremd gewesen, aber seit er mit Katrin zusammen war, spürte er es ständig: Wenn ein Mann sie berührte oder länger mit ihr sprach. Oder sie ansah. Er war wirklich verknallt.

Alle setzten sich, Merle schenkte Björn und Katrin von Kais köstlichem Wein ein und die Karten wurden gemischt.

„Heute darf Daniel als Erster austeilen“, entschied Merle.

„Wieso das?“

„Was? Warum?“

„Schiebung!“

„Weil er einen schlechten Tag hatte.“

„Das hatte ich allerdings. Einen richtig miesen.“

„Warum das?“

Daniel sank tiefer in den Stuhl, schloss die Augen und seufzte. „Erinnert ihr euch an die Joggerin, die mich letzte Woche fast k. o. geschlagen hat?“

Liz lachte. „Das vergesse ich nie! Was auch immer diese Frau für einen Selbstverteidigungskurs gemacht hat – den mache ich auch.“

„Sie hat keinen Kurs gemacht“, sagte Daniel. „Sondern eine Ausbildung. Sie ist Polizistin.“

Für eine Sekunde war es still am Tisch. Dann brachen alle in Gelächter aus. „Sie ist deine neue Kollegin?“

„Wie viel Pech kann man haben?“

„Verprügelt von der eigenen Kollegin! Hahahaha!“

„Ja, ja. Lacht ihr nur.“ Daniel teilte die Karten aus. Björn sah sich am Tisch um. Scheinbar war er der Einzige, der wusste, dass Daniel mit besagter Joggerin letzte Woche ausgegangen war. Und wenn er die Andeutungen seines Kumpels richtig verstanden hatte, war da mehr gelaufen als nur Essen gehen. Björn hatte den Eindruck gehabt, dass Daniel durchaus Interesse an mehr mit dieser Frau gehabt hatte, aber sie nicht an ihm. Und jetzt waren sie also Kollegen. Das dürfte interessant werden.

Sein und Daniels Blick trafen sich nur kurz, dann konzentrierte sich Daniel auf das Spiel. Björn nahm die Karten auf. Zwei Joker. Vier Karten über zehn – alle zusammenhängend. Er warf Katrin einen Blick zu und lächelte. Das Glücksschwein würde bald ihr gehören. Wenigstens für die nächsten zwei Wochen.