Bonus
Ben
Das Schöne an Philips Gesellschaft ist sein trockener Humor. Er ist keiner, bei dem man ständig lauthals lachen muss. Danach ist mir seit einem Jahr nicht mehr. Nein, Philipp macht keine Witze. Er macht Scherze. Elegante Scherze, über die man höflich lächeln kann. Mehr ist nicht nötig. Deshalb mag ich ihn so sehr. Mit ihm ist es unkompliziert. Meine anderen Freunde aus der Vergangenheit erwarten noch immer den witzigen Kerl, der ständig lacht und immer Mittelpunkt der Party ist. Aber die Zeiten sind lange vorbei.
Sie waren vorbei an dem Tag, an dem mein Vater mich zum Juniorchef ernannt hat. Und leider kehrten sie auch mit dem Verkauf seiner Kanzleien nicht zurück. Als hätte ich sie bei Arbeitsantritt an den Teufel verkauft. Als mein Vater ins Gefängnis kam, war es wie ein Befreiungsschlag. Ich konnte all das hinter mir lassen. Dachte ich zumindest. Die Wahrheit ist: Ich habe unzählige Narben davongetragen. Mit diesem Job habe ich meine Seele dem Teufel verkauft und er lässt mich nicht mehr gehen. Ich bin seine Geisel.
Ein Jahr ist es nun her. An meinem Tiefpunkt habe ich mich beinahe an Elin Kohnke vergriffen. Gott, ich war so betrunken! Und so ein Idiot. Jedes Mal, wenn ich eine der Kohnke-Schwestern sehe – zum Glück ist das meistens nur Ida, ganz selten Elin – habe ich Angst, sie könnten es wissen. Könnten wissen, was ich beinahe getan hätte. Mit der Zeit drängt mein schlechtes Gewissen, meine Schuld, in den Hintergrund. Ob es ihr genauso geht? Ob es für sie auch nicht mehr allgegenwärtig ist? Für mich ist es das. Noch immer ertappe ich mich dabei, wie ich lache und verbiete es mir, glücklich zu sein. Ich darf nicht glücklich sein, wenn ich einem anderen Menschen so viel Leid angetan habe.
Diese Schuld, diese unerträgliche Schuld. Sie packt mich oft aus dem Nichts. So wie gestern, als mir diese verrückte nackte Frau am Strand vorgeworfen hat, ich könnte ihr zu nahe treten. Denn nach dem, was ich beinahe mit Elin getan hätte, ist das gar nicht so unrealistisch. Zumal diese Frau unglaublich schöne Brüste hat. Nicht, dass ich sie lange angesehen hätte. Ich war Gentleman genug, meinen Blick fest auf ihr Gesicht zu richten. Aber natürlich habe ich schon von weitem genug gesehen, um darüber zu fantasieren, wie es wohl wäre, diese hübschen kleinen Brüste in die Hände zu nehmen, zu massieren, an ihren Knospen zu lecken und …
»Erde an Ben. Hörst du mir überhaupt zu?«
»Mh?«
Philipp schüttelt schmunzelnd den Kopf. »Du bist heute nicht so ganz bei der Sache. Ich habe gefragt, ob ihr gestern noch einen vierten Spieler gefunden habt.«
»Oh. Ja! Jaja, dieser Dings, dieser Typ vom Surf Club kam noch dazu. Der war zwar nicht der beste Spieler, aber besser als nichts.«
»Sorry, dass ich euch versetzen musste.«
»Immer beschäftigt als Bürgermeister.«
»So ist es.«
In die Wohnungstür wird ein Schlüssel gesteckt und die Tür geöffnet. Ida taucht als erste auf und strahlt, als sie mich in der Küche stehen sieht. »Oh, bitte – ausgerechnet du, also!« Wenn sie wirklich noch nicht wusste, dass ich Philipps Trauzeuge bin, scheint sie sich ehrlich darüber zu freuen. Oder sie wusste es bereits und ist eine verdammt gute Schauspielerin.
»Hallo die Damen«, ruft Philipp zurück.
Gerade will ich etwas sagen, da bleiben mir die Worte im Hals stecken. Hinter Ida betritt die verrückte nackte Frau vom Strand die Wohnung. Erst lächelt sie freundlich, dann fällt ihr Blick auf mich und ich schwöre, binnen einer Sekunde wechselt ihr Gesichtsausdruck von »Schön, Sie kennenzulernen« zu »Ach du Scheiße!«. Wen wundert’s? Das würde mir nicht anders gehen, ehrlich gesagt. Sie lag nackt im Sand, hat merkwürdige Bewegungen gemacht und dabei »Shake it off« von Taylor Swift gesungen, als wäre es ein Lied, das nur auf Plattformen für über Achtzehnjährige gespielt würde.
Jetzt, hier und in Klamotten, kommt sie mir bekannt vor. Nur woher? Klar, sie ist hübsch, vielleicht bilde ich mir nur ein, sie zu kennen. Und dann wiederum doch nicht. Ich kenne sie. Sie erinnert mich an jemanden.
»Ben, darf ich dir meine Trauzeugin vorstellen? Das ist Emma. Sie war damals mit uns auf der Schule. Drei Klassen unter dir. Vielleicht erinnerst du dich an sie?«
Oh. Mein. Gott. Ach du Scheiße! Und ob ich mich an Emma Landau erinnere! Wie Schuppen fällt es mir von den Augen! Das ist Emma Landau?! Die Verrückte vom Strand ist Emma Landau?! Mein kompletter Freundeskreis hat sich in der Schule über sie lustig gemacht, weil es damals so offensichtlich war, dass sie sich in mich verknallt hatte. Ständig war sie da, wo ich war. Und ich erinnere mich, dass ich sie auch mal angesprochen habe, ja, das war in der Schulkantine. Ich war freundlich, aber sie tat nichts, außer kirschrot anzulaufen, stumm aufzustehen und wegzugehen. Alle meine Freunde hatten es mitbekommen und schallend gelacht. Sie hat mir damals so leidgetan. Dabei war sie wirklich süß. Hätte sie den Mund aufbekommen in meiner Gegenwart, wer weiß, was passiert wäre. Ich sag mal so: Chancenlos wäre sie nicht gewesen.
Aber spätestens nach dem Geschmiere an der Schulfassade schottete sie sich komplett von mir ab. Damals konnte es jeder an der Schule lesen: Emma liebt Ben. Alle gingen davon aus, dass es mir peinlich sein müsse, dass sie mir auf die Nerven gehen würde. Dabei war die Wahrheit eine andere: Sie tat mir leid. Zum einen. Zum anderen fand ich sie unglaublich interessant. Ich hätte mich gerne mal mit ihr unterhalten, Zeit mit ihr verbracht. Aber dazu kam es nie. Und nach dem Abi habe ich nie wieder von ihr gehört.
Bis heute. Beziehungsweise gestern. Aber jetzt ist sie zurück in meinem Leben.
Und das ziemlich sexy. Wenn sich ihre Bluse jetzt so wölbt, kann ich gar nicht anders, als daran zu denken, wie ihr blanker Busen in der Sonne strahlte …
Okay, stopp! Das sind nicht die Gedanken, die ich jetzt haben sollte. Sie sieht mich aus großen, fast verzweifelt wirkenden Augen an. Sie weiß, dass ich es war, der ihr gestern geholfen hat. Sie erkennt mich. Natürlich sagt sie kein Wort. Und ich bin kein fieser Typ. Nicht mehr jedenfalls. Freundlich lächelnd strecke ich ihr die Hand hin. »Ben. Ich erinnere mich an dich. Aber du dich sicher auch an mich?« Das kann nicht nur sein, ich weiß es ganz genau. Ich habe sie in den Pausen ständig beobachtet. Heimlich natürlich. So dass niemand mitbekam, dass ich im Stillen auf das unbeliebteste Mädchen der Schule stand. Und ich weiß noch ganz genau, wie ich eines Morgens in die Schule kam und an der Fassade ganz groß der Satz prangte: Emma liebt Ben. Ich war damals im siebten Himmel. Das Mädchen, das ich mochte, liebte mich. Jedenfalls wenn man denen Glauben schenkte, die sie damals Tag ein, Tag aus geärgert und vorgeführt haben. Sie hatte es nicht leicht in der Schule. Und wenn ich mich damals schon geschämt habe, dass ich nicht den Mumm hatte, zu ihr zu stehen und sie vor den anderen zu beschützen, so tut es mir heute noch mehr leid. Erst jetzt begreife ich, welche Macht ich schon damals hatte. Ich hätte ihr Prinz auf dem Pferd sein können. Ich hätte ihre Hand nehmen sollen und ihr beistehen. Aber ich war zu feige. Hatte viel zu viel Angst vor dem Urteil meines Vaters.
Auf meine Begrüßung sagt sie gar nichts, nimmt noch nicht mal meine Hand. »Hallo? Sprachlos wie damals?«, frotzele ich.
Darauf taucht sie aus ihrer Starre auf, reicht mir die Hand – warm und fest – und schenkt mir nur ein knappes »Hi. Ja … ich meine, nein. Ich kann mich gar nicht an dich erinnern. Ben, richtig? Du bist also der andere Trauzeuge. Spannend. Richtig … spannend.« Sie wirft Ida einen merkwürdigen Blick zu und ich muss grinsen. Offensichtlich hat sie gelogen. Sie weiß ganz genau, wer ich bin. Aber dass sie so tut, als wisse sie es nicht mehr, macht sie nur umso interessanter. Warum tut sie so, als hätte sie mich vergessen? War es denn nicht die Wahrheit, was damals an der Fassade stand? Ich war immer davon ausgegangen, hatte nie gezweifelt. Aber jetzt … Hmm. Vielleicht hat es gar nicht gestimmt? Vielleicht hat sich jemand einen bösen Scherz mit ihr erlaubt. Vielleicht war der Spruch an der Wand nichts weiter als eine Lüge.
